Heimowskis Mutmacher

Erstellt am 9. Oktober 2012 von

 

Ich freue mich, dass unser Freund und Autor Uwe Heimowski sich künftig monatlich an dieser Stelle zu Wort melden wird. Tatsächlich sind wir schon lange verbunden, lernten uns Anfang der 1990er Jahre kennen, im Redaktionsteam der Jugendzeitschrift PUNKT (heute: dran). Das dritte Buch im Neufeld Verlag (Brunos Dankeschön – Geschichten von der Reeperbahn) stammte 2005 aus seiner Feder (dem eine ganze Reihe weiterer Bücher folgten), und wer beginnt, sich mit den Artikeln und Büchern von Uwe Heimowski zu beschäftigen, merkt schnell: Der kann erzählen! Und er hat was erlebt. Und was zu sagen.

Jeden zweiten Dienstag im Monat gibt es an dieser Stelle also Heimowskis Mutmacher – Gedanken aus dem kleinen und großen Alltag. Heute geht’s los – und zwar mit einer kurzen Vorstellung. Damit Ihr wisst, wer da eigentlich schreibt. Herzlich willkommen, lieber Uwe!

Schreiben, reden, telefonieren, recherchieren – die Tätigkeiten an sich unterscheiden sich nicht groß. Und doch sind es verschiedene Welten: die Arbeit als Pastor und die Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag. Das ist eine ungewöhnliche Kombination, sicher. Aber sie entspringt und entspricht meinem Lebensweg, der auch eher ungewöhnlich ist. Und inhaltlich gibt es viele Parallelen.

Ein kurzer Rückblick: 1986 fand ich zum Glauben. Es folgte eine Therapie wegen einer Suchterkrankung. Dann eine Erzieherausbildung. Sozialarbeit für die Heilsarmee auf der Reeperbahn. Leitung einer AIDS-Beratungsstelle. Studium der evangelischen Theologie in Hamburg, Basel, Leipzig und Halle/Saale. Was sollte nun folgen? Mein Herz schlug für die Sozialarbeit. In einem ehemaligen Jugendwerkhof in Bad Köstritz, der von der Diakonie übernommen worden war, wurde ein Erziehungsleiter gesucht. Aufgabenschwerpunkt: Mitarbeiterschulung, pädagogische Verantwortung und der Aufbau einer Therapiegruppe für minderjährige Suchtkranke. Besonderes letzteres reizte mich aufgrund meiner eigenen Geschichte, und so zogen wir 1999 nach Ostthüringen. Nun suchten wir eine Gemeinde. Für uns, mich, meine Frau und unsere beiden Kinder, und für die Jugendlichen aus der Reha-Gruppe, denn zum Konzept gehörte (und gehört bis heute) der wöchentliche Gottesdienstbesuch. In der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Gera wurden wir herzlich aufgenommen und fanden bald eine Heimat.

Dass ich zwei Jahre später die Anfrage bekommen würde, Pastor Franz Beutel nachzufolgen, der in den Ruhestand ging, hätte ich da niemals in Erwägung gezogen. Doch dann kam es so. Wir sahen Gottes Ruf in dieser Anfrage, ich gab meine Stelle als Erziehungsleiter auf, blieb aber in der Leitung der Reha-WG. Und so strickten wir ein Halbtagskonzept mit der Gemeinde. Wir definierten meine Aufgaben sehr klar. Für den Verwaltungsbereich stellten wir eine Sekretärin im Mini-Job ein.

Das setzte mich frei für pastorale Tätigkeiten. Mein Schwerpunkt neben Verkündigung und Seelsorge lag vor allem darin, eine neue Vision für die Gemeinde zu entwickeln. „Offen sein für Menschen in der Stadt“ – das war meine Vorgabe. Und so entstanden im Laufe der Jahre eine Menge neue Konzepte. Die Form der Gottesdienste änderte sich, kulturelle und soziale Projekte wurden begonnen, schließlich wurde ein Anbau nötig.

Ich selber engagierte mich in verschiedenen sozialen und politischen Gremien in der Stadt (etwa im Jugendhilfeausschuss). Daneben unterrichtete ich an der Berufsakademie in Gera und publizierte Artikel und Bücher. Nach fünf Jahren gab ich die Leitung der Reha-Gruppe ab und arbeitete neben der Gemeindearbeit als freiberuflicher Dozent und Coach.

To make a long story short: als dann ein Freund von mir für den Bundestag kandidierte, half ich in seinem Wahlkampfteam. Wir kannten uns und haben sehr ähnliche Ziele, das passte. Wir entwickelten ein Konzept, schrieben Texte – und er gewann tatsächlich die Wahl. Frank Heinrich ist der erste Heilsarmeeoffizier im Bundestag. Seine Schwerpunkte sind naheliegend: Arbeit und Soziales sowie Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Ich stieg als wissenschaftlicher Mitarbeiter ein.

Inhaltlich liegt das sehr nahe bei dem, was ich bisher auch getan habe: mich für benachteiligte Menschen einsetzen. Das war ein Schwerpunkt bei der Heilsarmee, und es prägt das Profil unserer Gemeinde.

Wie sieht das nun im Alltag aus? Die vielen Tätigkeiten müssen natürlich gut koordiniert werden. Die Aufgaben sind gewachsen. Unsere Familie besteht mittlerweile aus sieben Personen. Meine Frau Christine hat einige Jahre ihren Schwerpunkt auf die Erziehung gelegt. Anders wäre vieles nicht möglich gewesen. Mittlerweile absolviert sie ein berufsbegleitendes Bachelor-Studium in Diakonik. Da hilft, dass meine beiden Berufe sehr viel selbständiges Arbeiten erfordern. Häufig habe ich Zwölf-Stunden Tage. Aber wann und wo ich arbeite, kann ich selber eintakten. Etwa alle fünf Wochen bin ich für eine Woche in Berlin. Gelegentlich gibt es Termine in Chemnitz, Frank Heinrichs Wahlkreis. Die meiste Zeit kann ich von Gera aus arbeiten. Und so habe ich schon manche Predigt im Zug vorbereitet. Und der eine oder andere „Sprechzettel“ (so nennt man im Bundestag eine thematische Zusammenfassung eines Themas) ist im Gemeindebüro entstanden.

Mir liegt diese Abwechslung sehr. Doch bleibt es eine tägliche Herausforderung, mich dabei nicht zu verzetteln. Zum Glück hat sich das Berliner Team in diesen zwei Jahren sehr gut eingespielt, und unsere Gemeindesekretärin ist die Zuverlässigkeit in Person. Ohne Teamplay wären die beiden Stellen nicht zu verknüpfen.

Inhaltlich lässt sich sehr vieles zwischen den beiden Tätigkeiten verbinden. Das liegt aber natürlich auch daran, dass mein Chef Christ ist. Wir beten auch im Bundestagsbüro miteinander. Und wir beschäftigen uns mit Themen, die für die Gemeinde nicht minder interessant sind: Humanitäre Hilfe in Ostafrika, Unterstützung für verfolgte Christen weltweit und etliches mehr. Wir konnten mit Ertan Cevik einen Baptistenpastor aus der Türkei in den Menschenrechtsausschuss einladen, der über die Situation der Christen berichtete. Viele andere christliche Gruppierungen waren schon in Berlin zu Gast. Besonders stehen wir der zur Evangelischen Allianz gehörenden Micha-Initiative nahe, die sich für die Erreichung der sogenannten Milleniumsziele einsetzt und Christen für Weltverantwortung sensibilisieren möchte. In der Gemeinde hat das Spuren hinterlassen: Wir haben in Gera ein Café eröffnet, das Global 26 (26 ist unsere Hausnummer), in dem fair gehandelte Produkte angeboten werden. Wir unterstützen Projekte in Russland und in Indien.

Zugleich gilt natürlich, die beiden Stellen auch wieder zu trennen. Menschenrechte sind nicht teilbar. Ein Muslim hat das gleiche Recht auf Unterstützung wie ein Christ. Jemand, der wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert wird, muss auf einen Menschenrechtler zählen können, egal, wie der seine Bibel zu diesem Thema versteht. Eine säkulare Initiative, die sich für Menschenrechte stark macht, muss ich genauso hören und anerkennen wie eine christliche. Ja, manche „christliche“ Initiative muss man sogar zurückweisen, weil sie einseitig und intolerant ist. Da muss man sich dann schon gefallen lassen, dass manch ein Kommentar lautet: „Und du bist Pastor?!“

Auch in der Gemeinde gilt natürlich: Das Evangelium schließt ein politisches und soziales Engagement ein – doch es erschöpft sich nicht darin. Verkündigung ist mehr. Ich muss der Gefahr widerstehen, das zu vermischen. Und noch eins: eine Gemeinde darf für mein Empfinden Menschen nicht parteipolitisch vereinnahmen. Mein Chef ist in der CDU. Ich selber bin parteilos. Christen gibt es in allen Parteien. Und in meiner Gemeinde muss jeder willkommen sein. Auch der politische „Gegner“ ist in Christus mein Bruder. Dieses Gut darf nicht verloren gehen.

Wir danken der Zeitschrift Die Gemeinde (dieser Beitrag erschien in Ausgabe 20/2011) für die freundliche Abdruckgenehmigung!

 

 


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  • Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder willkommen ist!

    Das wär’s, oder? Am Ende sehnen wir alle uns danach, willkommen zu sein. Die gute Nachricht: Bei Gott bin ich willkommen. Und zwar so, wie ich bin. Die Bibel ist voll von Geschichten und Bildern darüber, dass Gott uns mit offenen Armen erwartet. Und dass er eine Menge Gutes mit uns im Sinn hat.

    Als Verlag möchten wir dazu beitragen, dass Menschen genau das erleben:

    Bei Gott bin ich willkommen.

    Für uns hat unser Slogan eine zweite Bedeutung: Wir haben ein Faible für außergewöhnliche Menschen, für Menschen mit Handicap. Denn wir erleben, dass sie unser Leben, unsere Gesellschaft bereichern.

  • Dennoch ist unsere Welt weit davon entfernt, Menschen mit Behinderung grundsätzlich willkommen zu heißen – vielen wird nicht mal gestattet, überhaupt zur Welt zu kommen. Und von gelebter Inklusion, dem echten Miteinander von Menschen mit und ohne Handicap in allen Bereichen unseres Alltags, sind wir auch noch ein gutes Stück entfernt. Deswegen setzen wir uns dafür ein, Menschen mit Behinderung willkommen zu heißen.