Leidmedien

Erstellt am 4. Oktober 2013 von

Wenn ich in der Zeitung von Menschen lese, die „am Down-Syndrom leiden“, dann greife ich manchmal zum Hörer und frage in der Redaktion, was es mit dem „Leiden“ denn genau auf sich habe.
Klar – nicht jeder ist bei jedem Thema voll drin und es ist verständlich, dass manche Formulierungen einfach fraglos übernommen werden. Dennoch: Sprache prägt, und deswegen lohnt es sich für mein Gefühl eben schon, immer wieder mal genauer hinzuschauen und hinzuhören. Dabei geht es mir nicht um political correctness, die die schrägsten Wortkreationen mit sich bringt. Wo man manches Mal den Eindruck gewinnen könnte, die Wirklichkeit wird damit dann gar nicht mehr beschrieben, sondern womöglich verschleiert und vernebelt. Darum kann es ja schließlich auch nicht gehen.

Screenshot Leidmedien

Neulich bin ich auf die Internetseite Leidmedien.de gestoßen, die extra für Journalistinnen und Journalisten eingerichtet wurde, die über Menschen mit Behinderungen berichten: Aus der Sicht von Menschen mit Behinderungen, behinderten und nichtbehinderten Medienschaffenden gibt es dort hilfreiche und sehr nachvollziehbare Tipps für eine Berichterstattung aus einer anderen Perspektive und ohne Klischees:

„Hintergrund ist unsere Beobachtung, dass behinderte Menschen oft einseitig dargestellt werden. Medien schaffen Wirklichkeit – Journalistinnen und Journalisten wissen das und bedienen sich leider dennoch häufig einseitiger Sprachbilder, Floskeln und Klischees. Formulierungen wie ,an den Rollstuhl gefesselt‘ oder ,leidet an‘ lassen negative Bilder im Kopf entstehen, die das öffentliche Bild behinderter Menschen prägen. Für sie heißt das, dass sie oft nur als Leidende, Opfer oder Helden wahrgenommen werden. Andere Lebensbereiche rücken in den Hintergrund, zugunsten von ,Schubladen‘, in die das Leben vieler behinderter Menschen nicht hinein passt.
Statt ausgewogen zu informieren, festigen die ,Leidmedien‘, wie wir sie nennen, das verbreitete Bild von Behinderung: Das schwere Schicksal, das überwunden werden muss – obwohl viele Menschen gerne leben, gerade auch mit ihrer Behinderung.
In einer Zeit, in der die Vereinten Nationen die Menschenrechte behinderter Menschen bekräftigen und viele Staaten gemeinsam an einer inklusiven Gesellschaft arbeiten, spielen die Medien eine besondere Rolle. Sie können informieren und aufklären – statt weiter Vorurteile und Stereotypen zu prägen. Das ist gerade in Deutschland wichtig, wo behinderte und nichtbehinderte Menschen noch zu oft in getrennten Welten leben, lernen und arbeiten. So haben auch nur wenige Journalistinnen und Journalisten Menschen mit Behinderung in ihrem Bekanntenkreis – und bedienen sich der Klischees, aus Unwissenheit und im Zeitdruck der alltäglichen Arbeit.
Mit unserem Streifzug durch die behindernde Sprache wollen wir niemanden belehren. Wir wollen keine Dogmen über ,richtige Sprache‘ aufstellen, sondern sensibilisieren, Ideen und Anregungen geben.“

Ich finde das eine äußerst gute Idee, und eine wichtige Arbeit. Glückwunsch an die Kolleginnen und Kollegen von Leidmedien.de, und alles Gute und viel Erfolg bei der Arbeit! Denn der kommt direkt unserer Gesellschaft zugute …


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  • Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder willkommen ist!

    Das wär’s, oder? Am Ende sehnen wir alle uns danach, willkommen zu sein. Die gute Nachricht: Bei Gott bin ich willkommen. Und zwar so, wie ich bin. Die Bibel ist voll von Geschichten und Bildern darüber, dass Gott uns mit offenen Armen erwartet. Und dass er eine Menge Gutes mit uns im Sinn hat.

    Als Verlag möchten wir dazu beitragen, dass Menschen genau das erleben:

    Bei Gott bin ich willkommen.

    Für uns hat unser Slogan eine zweite Bedeutung: Wir haben ein Faible für außergewöhnliche Menschen, für Menschen mit Handicap. Denn wir erleben, dass sie unser Leben, unsere Gesellschaft bereichern.

  • Dennoch ist unsere Welt weit davon entfernt, Menschen mit Behinderung grundsätzlich willkommen zu heißen – vielen wird nicht mal gestattet, überhaupt zur Welt zu kommen. Und von gelebter Inklusion, dem echten Miteinander von Menschen mit und ohne Handicap in allen Bereichen unseres Alltags, sind wir auch noch ein gutes Stück entfernt. Deswegen setzen wir uns dafür ein, Menschen mit Behinderung willkommen zu heißen.