Luftballon

Erstellt am 9. April 2013 von

Der Tag war lang gewesen. Auch die Abendveranstaltung zog sich schon eine Weile hin. Doch noch immer riss der Strom der Grußworte nicht ab.

Der nächste Redner ging ans Pult. Er zog einen roten Luftballon aus der Tasche und blies ihn mit vier, fünf gewaltigen Atemstößen zu einer beachtlichen Größe auf. Langsam nahm er die Arme auseinander, der Ballon klemmte zwischen Daumen und Zeigefinder der linken Hand.

„Wissen Sie, wovor ich als Kind am meisten Angst hatte?“

Er führte seine Hände etwas näher zusammen. Ein leichtes Raunen ging durch das Auditorium, die gesamte Aufmerksamkeit war wieder erwacht.

„Richtig, nichts konnte mich mehr erschrecken, als wenn jemand einen Luftballon knallen ließ. Und um ehrlich zu sein, bis heute macht es mir Angst. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen.“

Mit einem Ruck bewegte er die Hände zueinander. Einige Zuhörer hielten sich die Ohren zu. Doch der Redner stoppte mitten in der Bewegung, hob langsam seine Arme, öffnete theatralisch die Hand und schon flatterte der Luftballon in Schlangenlinien über die Bühne, bis alle Luft aus ihm entwichen war.

„Wenn es mir solche Angst macht“,

fuhr der Mann fort,

„warum sollte ich den Luftballon dann jetzt zerknallen? Warum sollte ich mir selber etwas Übles tun – und Sie alle erschrecken? Ist es nicht merkwürdig, dass wir manchmal den anderen Menschen genau das zufügen, was wir selber nicht mögen? Warum sollte ich das tun? Und ist es nicht ebenso merkwürdig, dass Sie alle es mir zugetraut haben, obwohl ich doch ausdrücklich gesagt habe, dass ich es schrecklich finde, wenn ein Luftballon zerplatzt?“

Er machte eine längere Pause. Betretene Stille erfüllt den Raum.

„Fürchte dich nicht“ – das lesen wir 365 mal in der Bibel. Immer wieder, wenn ein Engel oder Gott selbst den Menschen begegnet. Merkwürdig, dass das nötig ist. Wir nennen Gott den „lieben Gott“, sprechen ihm Eigenschaften wie Güte und Gnade und Barmherzigkeit zu. Und doch haben wir Angst. Als wäre unser Vertrauen ein kleiner roter Luftballon, der mit einem einzigen Schlag zum Platzen gebracht wird. Was bringen wir alles mit, was hat uns alles geprägt? Woher kommt diese Angst? Egal! Lassen wir es flattern – denn eins ist klar: Gott hat nicht vor, uns zu erschrecken. Wie auch immer es um unser Vertrauen bestellt ist. Gottes Botschaft heißt: Fürchte dich nicht.

Uwe Heimowski

 


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    Bei Gott bin ich willkommen.

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