Verzerrte Gottesbilder heilen

Erstellt am 19. Dezember 2013 von

Es war eins der ersten Bücher, die im Neufeld Verlag erschienen sind: Kenneth E. Bailey, Der ganz andere Vater – Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn aus nahöstlicher Perspektive in Szene gesetzt.

Zugegeben, der Untertitel ist uns etwas lang geraten – ich schätze, wir wollten halt möglichst viel darin unterbringen …! Es ist nämlich in mehrfacher Hinsicht ein besonderes Buch: Es enthält einen spannend zu lesenden Bibelkommentar zu Lukas 15. Ein Theaterstück. Und dazwischen arabische Kalligrafien, die der Autor selbst angefertigt hat und die noch einmal ganz eindrücklich den Inhalt der einzelnen Abschnitte zum Ausdruck bringen.

Frieder Boller, Bienenberg-Leiter und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland, hat Baileys Buch im Newsletter des ComPax-Instituts für Konflikttransformation Bienenberg vorgestellt.

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Er ist ja sprichwörtlich geworden, „der verlorene Sohn“, und seine Geschichte gehört zu den bekanntesten biblischen Erzählungen. Dass es hier um einen schweren Familienkonflikt mit höchst gestörten bzw. zerbrochenen Beziehungen geht – und um die Wiederherstellung dieser Beziehungen, liegt auf der Hand.

Traditionell interpretiert kommt der reuige Sünder zu seinem barmherzigen Vater und seinem missgünstigen Bruder, nachdem er alles verjubelt hatte und bei den Schweinen gelandet war. Was wirklich in der Geschichte steckt, ist viel mehr und viel tiefgründiger und erschließt sich einem überraschend neu, wenn man den Forschungen und Einsichten des amerikanischen Neutestamentlers Kenneth Bailey folgt. Er verbrachte mehr als 60 Jahre im Nahen Osten, lernte die bäuerliche arabische Kultur kennen, die der Kultur zur Zeit Jesu sehr nahe ist. Er schöpfte höchst kenntnisreich aus einer, im Westen weithin unbekannten, fast zweitausendjährigen Übersetzungsgeschichte und neutestamentlichen Literatur der östlichen Christenheit und ihrer Theologen.

Biblische Texte auf dem Hintergrund des so gewonnenen kulturellen Verständnisses zu lesen, beschert einem neue Einsichten in das, was Jesus mit diesem (und anderen) Gleichnissen gesagt hat, auch wenn man meint, diese Geschichte schon von Kindheit an in- und auswendig zu kennen.

Plötzlich entdeckt man nicht nur „unmögliche Söhne“, sondern auch einen „unmöglichen Vater“. Ein Sohn, der seinen Vater beschämt, indem er ihn für tot erklärt. Der andere beschämt seine Familie, weil er seine Rolle als Ältester und Mediator nicht wahrnimmt. Der Jüngere verliert sein Gesicht völlig bei den Schweinen, doch wird er von seinem verachteten Vater bedingungslos und umgehend rehabilitiert. Ein Vater, der Scham und Schuld mit Liebe und Zuwendung heilt und sich dabei selbst dem Gespött der Sippe und der Lächerlichkeit preisgibt, weil er sich in ihren Augen bloßstellt, wie er dem Sohn mit offenen Armen entgegen rennt. Sein Ansehen und seine Ehre als Patriarch setzt er aufs Spiel, denn die Menschen um ihn herum halten das, was er tut, für ein unwürdiges, schändliches und beschämendes Verhalten, weil er keinen seiner Söhne bloßstellt vor den Menschen, sondern sich schützend vor sie stellt.

Kenneth Bailey macht sichtbar, dass diese Geschichte auf unnachahmliche und heilsame Weise illustriert, wie Gott Konflikte aushält und gestörte Beziehungen verwandelt und wieder herstellt, indem er Scham und Schande mit Liebe beantwortet und Menschen ihre Würde gibt bzw. zurückgibt.

Dem spannenden und detailreichen und theologisch fundierten Kommentar zu Lukas 15 fügt Kenneth Bailey im zweiten Teil seines Buches ein dramatisches Theaterstück an, das sich mit einfachen Mitteln aufführen und deutlich machen lässt, wie Gott als liebender Vater uns Menschen sucht und begegnet. Das kann dazu beitragen, verzerrte Gottesbilder und gestörte Beziehungen zu heilen.


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  • Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder willkommen ist!

    Das wär’s, oder? Am Ende sehnen wir alle uns danach, willkommen zu sein. Die gute Nachricht: Bei Gott bin ich willkommen. Und zwar so, wie ich bin. Die Bibel ist voll von Geschichten und Bildern darüber, dass Gott uns mit offenen Armen erwartet. Und dass er eine Menge Gutes mit uns im Sinn hat.

    Als Verlag möchten wir dazu beitragen, dass Menschen genau das erleben:

    Bei Gott bin ich willkommen.

    Für uns hat unser Slogan eine zweite Bedeutung: Wir haben ein Faible für außergewöhnliche Menschen, für Menschen mit Handicap. Denn wir erleben, dass sie unser Leben, unsere Gesellschaft bereichern.

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