… was wirklich wichtig ist

Erstellt am 19. Juni 2012 von

 

Ein kleiner Gruß mit dem Juni-Motiv unseres Wandkalenders A little extra 2012. Aus aktuellem Anlass: Gestern brachte unsere regionale Tageszeitung (die Mittelbayerische Zeitung aus Regensburg) unter der Rubrik „Ereignisse“ eine Kurzmeldung zum 18. Juni:

„2002 urteilte der Bundesgerichtshof, dass Eltern behinderter Kinder den vollen Unterhaltsaufwand ersetzt bekommen können, wenn ihr Arzt bei der Schwangerschaftsuntersuchung die Fehlbildungen übersehen hat.“

Ich finde das nach wie vor ziemlich krass und tue mich schwer damit, nachzuvollziehen, welche Überlegungen und Haltungen solch einem Urteil zugrunde liegen. Was heißt denn das für das Menschenbild unserer Gesellschaft? Welche konkreten Auswirkungen hat dieses Urteil für die Sichtweise von Ärzten und ihre Motivation, möglichst intensive Pränataldiagnostik zu betreiben? Wie stark ist möglicherweise die Dynamik, Leben unter bestimmten Umständen zu vermeiden? Und wie verträgt sich dieses Statement mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, „um ihnen die gleichberechtigte Teilhabe bzw. Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen“? „Teilhabe“?! Für mich klingt das in diesem Zusammenhang fast schon zynisch. „Eigentlich“ heißt es ja im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“ …

Was wäre das für eine Gesellschaft, wenn sich noch mehr Menschen auf den Weg einlassen würden, zu erahnen, wie sehr auch unsere Schwachheit und Begrenztheit Teil unseres Lebens ist. Wie viel wir einander geben können, selbst wenn wir meinen, wir hätten nichts beizutragen. Und wie sehr gerade Menschen mit sichtbaren Behinderungen uns einladen, das wirkliche Leben anzunehmen und zu feiern …! Der weise Jean Vanier, Gründer der Arche-Gemeinschaften, wo Menschen mit und ohne geistige Behinderung zusammen leben, schreibt in seinem Buch Weites Herz – Dem Geheimnis der Liebe auf der Spur:

“Behinderte Menschen können ein Paradox sein. Zuweilen wissen wir nicht recht, wer sie sind und wie wir auf sie reagieren sollen. Ihre Gegenwart verpflichtet uns dazu, uns unser eigenes Leben genauer anzusehen und gründlicher darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist.”


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