Kenneth E. Bailey - Der ganz andere Vater

von

Von: Markus Baum, ERF


Erstausstrahlung 02.05.06 im Rahmen von "Calando"


ERF: Lesefrüchte Nr. 218

 

Erstausstrahlung 02.05.06 im Rahmen von "Calando"

 

Die Geschichte vom Verlorenen Sohn gehört zu den bekanntesten Gleichnissen, die Jesus erzählt hat. Sie ist auch in der islamischen Welt bekannt. Was wir uns als Menschen aus christlicher Tradition allerdings kaum vorstellen können: Im Islam wird sie völlig anders gedeutet. Da muss sie als Beweis dafür herhalten, dass Jesus ein Prophet, aber kein Messias mit Erlösungsanspruch war. Da wird der verlorene Sohn mit Jesus identifiziert. Jesus kehrt reuig zum Vater zurück. Christen im Orient haben ihre liebe Müh, daneben oder gar dagegen die christliche Lesart zu behaupten.

 

Der Theologe und Arabist Kenneth E. Bailey hat sich ein Leben lang mit der arabischen Welt beschäftigt, hat in Ägypten, im Libanon, auf Zypern und in Israel gelebt. Und hat versucht, die Botschaft des Neuen Testaments Menschen aus islamischem Hintergrund zugänglich zu machen.

 

In seinem Buch "Der ganz andere Vater" beschäftigt er sich ganz speziell mit dem Lukasevangelium Kapitel 15. Mit den drei Gleichnissen vom verlorenen Groschen, vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Sohn. Er schafft es, für europäische und amerikanische Leser verständlich zu machen, wie Araber, wie Menschen im nahen und mittleren Osten diese Gleichisse hören, was dabei für sie anklingt, wo für sie die Knackpunkte sind. Und die sitzen nicht unbedingt dort, wo wir sie vermuten würden.

 

Kenneth Bailey versteht sich außerdem auf arabische Kalligrafie. Auf die Schriftkunst, die in der islamischen Welt das Bild ersetzen muss. Die schwungvolle arabische Schrift mit ihren verschiedenen Oberlängen lässt sich hervorragend einsetzen, um die Inhalte des Geschriebenen durch Schriftornamentik, durch eine phantasievolle Anordnung und Gestaltung der Wörter und Buchstaben zu unterstreichen. Auch das demonstriert Bailey an den Schlüsselversen aus dem Gleichnis vom Verlorenen Sohn.

 

Und schließlich enthält Baileys Buch auch noch ein Theaterstück. Ein Einakter mit vier Szenen. Die Geschichte vom Verlorenen Sohn für die Bühne.

 

Ich kann Ihnen versprechen: So haben Sie sich diesem Gleichnis noch nie genähert. Kenneth Bailey schließt uns abendländisch geprägten Menschen damit eine ganz eigene Vorstellungswelt auf und weckt damit Verständnis für einen ganz anderen Kulturkreis. Den arabischen Kulturkreis. Der uns ja nicht mehr so fern ist, seit Millionen von Muslimen aus Nordafrika und aus der Levante in Europa leben und arbeiten.

 

Kenneth E. Bailey, Der ganz andere Vater. Die Geschichte vom verlorenen Sohn aus nahöstlicher Perspektive in Szene gesetzt. Das Buch ist erschienen im Neufeld Verlag, es hat 184 Seiten und kostet € 14,90.

 

Markus Baum, ERF


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