Heimowskis Mutmacher: Die Kuckucksuhr

Erstellt am 12. August 2014 von

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„Das Paket stand ungeöffnet auf dem Schrank. Tief nach hinten geschoben, hinter Schachteln versteckt.“

Gideon holt tief Luft, seine Stimme vibriert.

„Dort fanden wir es wieder, als unsere Mutter starb. Wir hatten es vergessen. Nun, als wir es beim Aufräumen fanden, stand uns die Situation wieder vor Augen, als sei es gestern gewesen. Dabei lagen Jahrzehnte dazwischen.“

Wir hatten nach dem Holocaust gefragt. Wie war sie aufgewachsen, Gideons Generation? Geboren bald nach dem Ende des Krieges. Groß geworden im Kibbuz, hatten sie den Staat Israel aufgebaut. Sie, die Kinder der Überlebenden.

„Das Paket kam eines Tages mit der Post. Wir saßen am Esstisch. Der Briefträger klingelte. Mutter nahm die große, schwere Schachtel entgegen. Sie quittierte den Empfang und brachte das Paket in die Wohnung. Wir Kinder waren aus dem Häuschen, nie zuvor hatten wir ein Paket bekommen. Doch Mutter las den Absender, erbleichte, und setzte sich schwer atmend auf ihren Stuhl. Für einen Moment herrschte bedrückte Stille. Dann hielten wir es nicht mehr aus: ,Mutter‘, riefen wir begeistert, ,Mutter, mach es auf, ja?‘

Sie schwieg, unsere Ungeduld wuchs, unsere Hände rissen am Papier. Plötzlich schrie Mutter uns an, wir sollten Ruhe geben. Sie nahm das Paket, wuchtete es mit aller Kraft in die Höhe und schob es auf den Schrank. ,Lasst die Finger davon‘, fuhr sie uns an, ,niemand öffnet das Paket!‘“

Wie haben sie euch von damals erzählt, hatten wir gefragt, von der Zeit unter den Nazis. Vom Überleben in Holland, wo Gideons Eltern gelebt hatten.

„Mutter war immer ruhig, eine stille, sanfte Frau. Nie wurde sie laut. Dass sie nun so aus der Haut fuhr, ließ uns verstummen. Keiner fragte mehr nach dem Paket. Verstohlen schielten wir zum Schrank, doch wir schwiegen. Auch Mutter schwieg. An diesem Tag, und am nächsten, und an jedem weiteren. Kein Wort fiel jemals zu diesem Thema. Irgendwann vergaßen wir die Schachtel auf dem Schrank. Bis zu diesem Tag nach dem Tod der Mutter.“

Gideon unterbricht sich, beginnt Gedanken verloren eine Orange zu schälen.

„Als erstes sahen wir den Absender. Eine Adresse in Holland. Ein Nachbar der Familie meiner Mutter. Dann öffneten wir das Paket. Eine alte Kuckucksuhr kam zum Vorschein. Anbei lag ein Brief. Der Nachbar hatte die Uhr aus dem Haus der jüdischen Familie retten können. Er war als Kind oft bei den Nachbarn gewesen, der kleine Vogel hatte ihn fasziniert. Nach dem Abtransport der Familie war er in die verwaiste Wohnung geschlichen und hatte die Uhr mitgenommen. Nun, Jahre später, hatte er erfahren, dass nur noch Mutter am Leben sei, und ihre Adresse in Israel herausgefunden.“

Gideon schiebt sich einen Schnitz Orange in den Mund.

„Sie hat es gewusst. Zumindest hat sie es geahnt. Darum hat sie das Paket nie geöffnet. Sie konnte es nicht. Und ebenso wenig konnte sie sprechen. Nicht über den Tod ihrer Eltern und Brüder. Nicht über ihre Flucht.“

Gideon verstummt, Stille erfüllt den Raum für einen atemlos langen Moment.

Wir schweigen. Fragen uns, ob wir so haben fragen dürfen.

„Heute steht die Kuckucksuhr in meiner Wohnung“, durchbricht Gideon die Stille und fährt fort, als hätte er unsere stummen Fragen gehört.

„Sie funktioniert sogar. Und sie erinnert mich daran: Meine Eltern konnten nicht sprechen, wir Kinder dagegen dürfen nicht schweigen.“

Uwe Heimowski

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch von Uwe Heimowski und Andreas Martz Shalom, Herr Levi – Jüdisches Leben heute, das im November mit zahlreichen Bildern des russischen Fotografen Roman Mordashev erscheint.

Das oben verwendete Bild aus Israel (Jaffa / Joppe) wurde von Daniel Wermke aufgenommen.

 


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