Noch ein Gedicht

Erstellt am 2. Februar 2018 von

Manche Gedichte haben es in sich – und lassen einen nicht nur sprachlos, sondern auch tief bewegt zurück. So ähnlich ging es mir mit dem Gedicht „Abschied“ des Österreichers Franz-Joseph Huainigg.

Seit einer Impfung im 7. Lebensmonat sind die Beine von Dr. Franz-Joseph Huainigg (Jahrgang 1966) gelähmt. Heute ist er auf einen Elektrorollstuhl und ein Beatmungsgerät angewiesen. In den 1990er Jahren gründete er das Wiener KrüppelKabarett. Bis 2017 engagierte er sich im österreichischen Nationalrat. Er hat uns erlaubt, sein Gedicht hier wiederzugeben:

 

Als Kind waren meine Beine plötzlich gelähmt. Ich weinte und verstand Gott und die Welt nicht mehr. Da sprach Gott: Ich nehme Dir die Kraft der Beine und schenke Dir die Langsamkeit. So entdeckte ich eine neue Welt, langsam auf dem Boden kriechend.

Als Jugendlicher konnte ich plötzlich nicht mehr mit Krücken gehen. Ich weinte und verstand Gott und die Welt nicht mehr. Da sprach Gott: Ich nehme Dir die Kraft in den Armen und schenke Dir dafür Witz und Ironie. So entdeckte ich im Rollstuhl eine neue Welt und brachte auf der Kabarettbühne die Leute zum Lachen.

Jahre später konnte ich weder Arme noch Beine bewegen. Ich weinte und verstand Gott und die Welt nicht mehr. Da sprach Gott: Desto weniger Du Dich bewegst, desto mehr bewegst Du. So begann ich die Welt ein wenig zu verändern und wurde Politiker.

Heute kann ich nicht mehr ohne Maschine atmen. Ich weinte und verstand Gott und die Welt nicht mehr. Da sprach Gott: Ich nehme Dir die Lungenkraft und schenke Dir einen langen Atem. Um für die Würde des Lebens zu kämpfen.

 

Dieses Gedicht erschien u. a. in der Zeitschrift „Behinderte Menschen“ (6/2017). Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

franzhuainigg.at

 

 


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  • Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder willkommen ist!

    Das wär’s, oder? Am Ende sehnen wir alle uns danach, willkommen zu sein. Die gute Nachricht: Bei Gott bin ich willkommen. Und zwar so, wie ich bin. Die Bibel birgt zahlreiche Geschichten und Bilder darüber, dass Gott uns mit offenen Armen erwartet. Und dass er nur Gutes mit uns im Sinn hat.

    Als Verlag möchten wir dazu beitragen, dass Menschen genau das erleben:

    Bei Gott bin ich willkommen.

  • Unser Slogan hat noch eine zweite Bedeutung: Wir haben ein Faible für außergewöhnliche Menschen, für Menschen mit Handicap. Denn wir erleben, dass sie unser Leben, unsere Gesellschaft bereichern. Dass sie uns etwas zu sagen und zu geben haben.

    Deswegen setzen wir uns dafür ein, Menschen mit Behinderung willkommen zu heißen.