Randis Reise (Folge 3)

Erstellt am 18. Februar 2015 von

Der britische Autor Simon Parke hat John Bunyans Klassiker Die Pilgerreise mit Randis Reise ein modernes Gesicht verliehen. Hier im Blog bringen wir einige Auszüge zum Kennenlernen.

Hier geht es zu Folge 1 bzw. Folge 2!

 

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Weiter geht es mit dem Kapitel Die neunte Station (ab Seite 78):

 

»Du scheinst in irgendwelchen Schwierigkeiten zu stecken.«
PILGERIN drehte sich um und entdeckte einen Mann von sehr auffallender Erscheinung. Er trug, oben angefangen, einen weißen Filzhut mit einer kurzen Krempe, ein schwarzes Hemd und ein schwarzes Jackett und eine weiße Krawatte, eine schwarze Hose und weiße Schuhe.
»Du bist ja ganz in Schwarz und Weiß gekleidet«, bemerkte PILGERIN, die sich nicht zurückhalten konnte, das Offensichtliche auszusprechen. »Und keine Schattierungen dazwischen.«
»Genau so, wie unser guter Herr es will«, erwiderte der Mann.
Er hielt auch ein großes Buch in seiner Hand, das er wie eine Waffe schwenkte, obwohl es sich als eine Bibel herausstellte, die auf keinen Fall eine Waffe ist.
»Von da aus, wo ich stehe, wirkst du auf mich wie eine verlorene Seele, die Hilfe braucht«, sagte er.

»HARTMANN KALT.«
»Und ich heiße Randi.«
Sie wartete auf eine Antwort, aber es kam keine.
»Randi PILGERIN.«
Noch immer Schweigen.
»Um schonungslos ehrlich zu sein, meine Dame«, sagte HARTMANN schließlich, »ich brauche deinen Namen nicht zu kennen.«
»Nicht?«, erwiderte PILGERIN. »Die namentliche Anrede wird landläufig als höflich betrachtet.«
»Erntefeld ist Erntefeld, mein Mädchen.«
»Ich akzeptiere keine dieser Beschreibungen. Ich bin weder ein Erntefeld noch dein Mädchen.«
HARTMANN KALT stopfte die Hände tief in seine Hosentaschen, vielleicht ein wenig zu tief.
»Beziehungen sind ohne Bedeutung«, erwiderte er. »Bist du errettet?«
»Äh …«
»Das dachte ich mir.«
»Aber ich habe Fragen.«
»Fragen sind natürlich willkommen.«
»Gut!«
PILGERIN war froh, das zu hören.
»Also, meine erste Frage«, begann PILGERIN, doch bevor sie sie formulieren konnte, gab HARTMANN KALT bereits die Antwort.
»Das HARTMANN-KALT-Evangelium!«, verkündete er.
»Verzeihung?«, erwiderte PILGERIN ein wenig verwirrt.
»Ich gebe dir nur die Antwort auf deine Frage.«
»Aber ich habe sie doch noch gar nicht gestellt.«
»Ich weiß, aber so sparen wir Zeit.«
»Wie kannst du denn eine Frage beantworten, die ich gar nicht gestellt habe?«
»Weil das HARTMANN-KALT-Evangelium die Antwort auf jede Frage ist. Und jetzt entschuldige mich bitte einen Augenblick.«

»Ich ziehe es vor, auf einer Kanzel zu stehen, wenn ich die Wahrheit verkünde.«
Er schien glücklicher zu sein, wenn er über dem normalen Leben thronte.
»Aber wir unterhalten uns doch nur.«
Der Mann lachte und schüttelte herablassend den Kopf.
»Die Wahrheit ist kein Dialog, junge Dame. Die Wahrheit ist ein Monolog, ein Monolog von Gott.«
»Tatsächlich?«, fragte PILGERIN und blickte sich mit neu erwachtem Interesse um. »Ist Gott unterwegs?«
»Ich spreche für ihn.«
»Wie viele Verrückte.«
Das rutschte ihr einfach so heraus.
»Ich muss dich in einigen Punkten korrigieren«, erklärte HARTMANN KALT mit fester Stimme, während er von seiner Felsenkanzel auf sie herabblickte. »Von hier oben kann ich das besser.«
Er ragte beinahe vertikal über ihr auf, und zu ihm aufzublicken war äußerst unbequem, sodass HARTMANN KALT im wahrsten Sinne des Wortes ein richtiger Schmerz in ihrem Nacken war.
»Also gut«, sagte sie. »Aber sag mir eines: Wie kannst du mich korrigieren, wenn du mich gar nicht kennst?«
»Ich brauche dich nicht zu kennen!«

HARTMANN KALT kletterte von seiner Kanzel herab und suchte die Faltblätter neben dem Eingang zusammen. Eine Frage durchzuckte PILGERIN. Sie musste sie einfach stellen.
»Bist du glücklich, HARTMANN?«
»Natürlich bin ich glücklich«, erwiderte er kurz angebunden.
»Das verbirgst du gut.«

 


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    Als Verlag möchten wir dazu beitragen, dass Menschen genau das erleben:

    Bei Gott bin ich willkommen.

  • Unser Slogan hat noch eine zweite Bedeutung: Wir haben ein Faible für außergewöhnliche Menschen, für Menschen mit Handicap. Denn wir erleben, dass sie unser Leben, unsere Gesellschaft bereichern. Dass sie uns etwas zu sagen und zu geben haben.

    Deswegen setzen wir uns dafür ein, Menschen mit Behinderung willkommen zu heißen.