Schlagwort-Archiv: Gewalt

 

Erstellt am 3. Dezember 2015 von

Wie vermutlich viele Menschen in Deutschland, habe ich gehörige Bauchschmerzen bei den geplanten militärischen Einsätzen der Bundeswehr in Syrien.

So wie man reife Pusteblumen besser nicht mit einem Golfschläger bekämpft, ist es kaum hilfreich, militärisch gegen den Terror vorzugehen.

An dieser Stelle daher aus aktuellem Anlass schon mal ein Auszug aus John Paul Lederachs Buch Vom Konflikt zur Versöhnung: Kühn träumen – pragmatisch handeln, das im Januar bei uns im Neufeld Verlag erscheint:

 

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Leseprobe „Terror verstehen“ von John Paul Lederach

Lederach engagiert sich ja seit mehr als 30 Jahren in der internationalen Versöhnungsarbeit. Der promovierte Soziologe bietet auf fünf Kontinenten direkte Mediation und Unterstützung bei Versöhnungsbemühungen in Konfliktregionen mit besonders gewalttätigen Auseinandersetzungen an. Lederach war als Berater höchster Regierungsvertreter und nationaler Oppositionsbewegungen in vom Krieg erschütterten Ländern wie Nicaragua, Somalia, Nordirland, Kolumbien, Nepal und auf den Philippinen tätig.

Als Professor für International Peacebuilding und Direktor des Kroc Institute for International Peace Studies an der Universität von Notre Dame ist der Friedensforscher Mitbegründer des Center for Justice and Peacebuilding an der Eastern Mennonite University in Harrisonburg in Virginia. Lederachs über 20 Bücher wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt, und er ist als Redner, Berater und Mediationstrainer international gefragt: an den Universitäten Oxford und Harvard ebenso wie in Barcelona, Uppsala, Lillehammer oder Kopenhagen. John Paul Lederach wurde bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit zwei Ehrendoktortiteln.

Oben erwähnte Leseprobe zeigt nur einen Ausschnitt aus diesem reichhaltigen und von Erfahrung getränkten Buch. Täglich werden wir mit Konflikten und ihren Folgen konfrontiert. Auf politischer und auf persönlicher Ebene. Familie, Nachbarschaft, Arbeitsplatz, Gemeinde – es gibt keine Umgebung, die gegen Konflikte immun wäre. Und Kriege, die eigentlich weit weg scheinen, kommen uns durch Flüchtlinge ganz nahe.

Bill und Lynne Hybels (Willow Creek) schreiben im Vorwort:

„Dieses Buch könnte die Welt verändern. Zerrüttete Ehe? Lesen Sie ,Vom Konflikt zur Versöhnung‘. Familienstreitigkeiten? Lesen Sie ,Vom Konflikt zur Versöhnung‘. Gemeindespaltung? Lesen Sie ,Vom Konflikt zur Versöhnung‘. Kriegführende Länder? Ganz ehrlich: Wenn es möglich wäre, die Führer der Welt so lange einzusperren, bis sie ,Vom Konflikt zur Versöhnung‘ gelesen haben, wäre die Welt von Grund auf verändert.“

Und Karsten Hüttmann, Vorsitzender des Christival 2016 (Thema: Jesus versöhnt), meint:

„Selten hat mich ein Buch so hoffnungsvoll gestimmt, dass Versöhnung wirklich möglich ist – egal ob im Großen oder Kleinen. Egal ob zwischen Ländern, Nachbarn oder Familienmitgliedern. Lederach verbindet anschaulich Erfahrungen aus seiner langjährigen Arbeit mit theologischer Reflexion. Ein Buch, dass jeder lesen sollte, der sich nach mehr Frieden sehnt.“

Erstellt am 12. August 2014 von

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„Das Paket stand ungeöffnet auf dem Schrank. Tief nach hinten geschoben, hinter Schachteln versteckt.“

Gideon holt tief Luft, seine Stimme vibriert.

„Dort fanden wir es wieder, als unsere Mutter starb. Wir hatten es vergessen. Nun, als wir es beim Aufräumen fanden, stand uns die Situation wieder vor Augen, als sei es gestern gewesen. Dabei lagen Jahrzehnte dazwischen.“

Wir hatten nach dem Holocaust gefragt. Wie war sie aufgewachsen, Gideons Generation? Geboren bald nach dem Ende des Krieges. Groß geworden im Kibbuz, hatten sie den Staat Israel aufgebaut. Sie, die Kinder der Überlebenden.

„Das Paket kam eines Tages mit der Post. Wir saßen am Esstisch. Der Briefträger klingelte. Mutter nahm die große, schwere Schachtel entgegen. Sie quittierte den Empfang und brachte das Paket in die Wohnung. Wir Kinder waren aus dem Häuschen, nie zuvor hatten wir ein Paket bekommen. Doch Mutter las den Absender, erbleichte, und setzte sich schwer atmend auf ihren Stuhl. Für einen Moment herrschte bedrückte Stille. Dann hielten wir es nicht mehr aus: ,Mutter‘, riefen wir begeistert, ,Mutter, mach es auf, ja?‘

Sie schwieg, unsere Ungeduld wuchs, unsere Hände rissen am Papier. Plötzlich schrie Mutter uns an, wir sollten Ruhe geben. Sie nahm das Paket, wuchtete es mit aller Kraft in die Höhe und schob es auf den Schrank. ,Lasst die Finger davon‘, fuhr sie uns an, ,niemand öffnet das Paket!‘“

Wie haben sie euch von damals erzählt, hatten wir gefragt, von der Zeit unter den Nazis. Vom Überleben in Holland, wo Gideons Eltern gelebt hatten.

„Mutter war immer ruhig, eine stille, sanfte Frau. Nie wurde sie laut. Dass sie nun so aus der Haut fuhr, ließ uns verstummen. Keiner fragte mehr nach dem Paket. Verstohlen schielten wir zum Schrank, doch wir schwiegen. Auch Mutter schwieg. An diesem Tag, und am nächsten, und an jedem weiteren. Kein Wort fiel jemals zu diesem Thema. Irgendwann vergaßen wir die Schachtel auf dem Schrank. Bis zu diesem Tag nach dem Tod der Mutter.“

Gideon unterbricht sich, beginnt Gedanken verloren eine Orange zu schälen.

„Als erstes sahen wir den Absender. Eine Adresse in Holland. Ein Nachbar der Familie meiner Mutter. Dann öffneten wir das Paket. Eine alte Kuckucksuhr kam zum Vorschein. Anbei lag ein Brief. Der Nachbar hatte die Uhr aus dem Haus der jüdischen Familie retten können. Er war als Kind oft bei den Nachbarn gewesen, der kleine Vogel hatte ihn fasziniert. Nach dem Abtransport der Familie war er in die verwaiste Wohnung geschlichen und hatte die Uhr mitgenommen. Nun, Jahre später, hatte er erfahren, dass nur noch Mutter am Leben sei, und ihre Adresse in Israel herausgefunden.“

Gideon schiebt sich einen Schnitz Orange in den Mund.

„Sie hat es gewusst. Zumindest hat sie es geahnt. Darum hat sie das Paket nie geöffnet. Sie konnte es nicht. Und ebenso wenig konnte sie sprechen. Nicht über den Tod ihrer Eltern und Brüder. Nicht über ihre Flucht.“

Gideon verstummt, Stille erfüllt den Raum für einen atemlos langen Moment.

Wir schweigen. Fragen uns, ob wir so haben fragen dürfen.

„Heute steht die Kuckucksuhr in meiner Wohnung“, durchbricht Gideon die Stille und fährt fort, als hätte er unsere stummen Fragen gehört.

„Sie funktioniert sogar. Und sie erinnert mich daran: Meine Eltern konnten nicht sprechen, wir Kinder dagegen dürfen nicht schweigen.“

Uwe Heimowski

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch von Uwe Heimowski und Andreas Martz Shalom, Herr Levi – Jüdisches Leben heute, das im November mit zahlreichen Bildern des russischen Fotografen Roman Mordashev erscheint.

Das oben verwendete Bild aus Israel (Jaffa / Joppe) wurde von Daniel Wermke aufgenommen.

 

  • Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder willkommen ist!

    Das wär’s, oder? Am Ende sehnen wir alle uns danach, willkommen zu sein. Die gute Nachricht: Bei Gott bin ich willkommen. Und zwar so, wie ich bin. Die Bibel birgt zahlreiche Geschichten und Bilder darüber, dass Gott uns mit offenen Armen erwartet. Und dass er nur Gutes mit uns im Sinn hat.

    Als Verlag möchten wir dazu beitragen, dass Menschen genau das erleben:

    Bei Gott bin ich willkommen.

  • Unser Slogan hat noch eine zweite Bedeutung: Wir haben ein Faible für außergewöhnliche Menschen, für Menschen mit Handicap. Denn wir erleben, dass sie unser Leben, unsere Gesellschaft bereichern. Dass sie uns etwas zu sagen und zu geben haben.

    Deswegen setzen wir uns dafür ein, Menschen mit Behinderung willkommen zu heißen.