John Howard Yoder: Runter vom Podest?

Erstellt am 29. Mai 2015 von

John H. Yoder (1927-1997) dürfte der bekannteste mennonitische Theologe der Gegenwart sein. Im Neufeld Verlag sind zwei seiner Bücher erschienen: Die Politik des Leibes Christi. Als Gemeinde zeichenhaft leben sowie Die Politik Jesu.

 

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In den letzten Jahren gibt es nun eine verstärkte Auseinandersetzung mit Yoders sexuellem Fehlverhalten. Zwischen 1992 und 1996 fand zwischen ihm und seiner Kirche ein gemeinde-disziplinarischer Prozess wegen sexuellen Fehlverhaltens (in Wort und Tat) statt. Im Jahr 2014 – wohl auf anhaltenden Druck betroffener Frauen sowie deren Veröffentlichungen und Aussagen – beauftragte die Mennonite Church USA eine Arbeitsgruppe mit einer erneuten Evaluation der Handlungen Yoders.

Sie bestätigte, dass die Verfehlungen Yoders schwerwiegender waren als zuvor angenommen, dass sie auch verschiedene Aspekte von sexuellen Beziehungen einschlossen und dass mehr Frauen und über längere Zeiträume hinweg davon betroffen waren, als man bisher gedacht hatte.

 

Auch als Verlag haben wir immer wieder überlegt, wie wir damit umgehen sollen – möglichst häufig und lautstark darauf hinweisen, dass dieser renommierte Theologe und Ethiker, gerade was seinen eigenen Anspruch in Bezug auf die Übereinstimmung von Glauben und Leben betrifft, sich grob fehlverhalten hat? Dass man seine Bücher daher mit Vorsicht genießen sollte? Aber macht das seine Gedanken und Veröffentlichungen etwa wertlos?

Wie kann man den betroffenen Frauen gerecht werden, die es als Hohn empfunden haben müssen, dass Yoder Jahrzehnte lang als Koryphäe gilt – während über den Missbrauch, von dem offenbar viele betroffen sind, kaum geredet wird?

Klar ist: Es gibt keine Entschuldigung für das Verhalten Yoders. Und das Unrecht, das geschehen ist, muss benannt werden.

Es bleibt allerdings auch wahr: Wir alle leben von der Barmherzigkeit Gottes und sind auf seine Vergebung angewiesen. (Ich finde übrigens enorm hilfreich und bewegend, wie die Autorin Sabine Dittrich in ihrem Roman Erben des Schweigens mit dem schwierigen Thema Versöhnung umgeht.)

 

Unser Partner – auch konkret bei der Publikation der o. a. beiden Yoder-Titel -, das Theologische Seminar Bienenberg, hat nun eine ausführliche Stellungnahme veröffentlicht, auf die wir an dieser Stelle gerne hinweisen:

 

„Wir werden uns im Unterricht weiterhin gern auf die publizierten Schriften John Yoders beziehen und seine Überzeugungen bekannt machen. Wir werden allerdings noch pointierter als bisher auch kritische Anfragen formulieren. …“

 

Die gesamte Stellungnahme kann man hier lesen.


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  • Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder willkommen ist!

    Das wär’s, oder? Am Ende sehnen wir alle uns danach, willkommen zu sein. Die gute Nachricht: Bei Gott bin ich willkommen. Und zwar so, wie ich bin. Die Bibel ist voll von Geschichten und Bildern darüber, dass Gott uns mit offenen Armen erwartet. Und dass er eine Menge Gutes mit uns im Sinn hat.

    Als Verlag möchten wir dazu beitragen, dass Menschen genau das erleben:

    Bei Gott bin ich willkommen.

    Für uns hat unser Slogan eine zweite Bedeutung: Wir haben ein Faible für außergewöhnliche Menschen, für Menschen mit Handicap. Denn wir erleben, dass sie unser Leben, unsere Gesellschaft bereichern.

  • Dennoch ist unsere Welt weit davon entfernt, Menschen mit Behinderung grundsätzlich willkommen zu heißen – vielen wird nicht mal gestattet, überhaupt zur Welt zu kommen. Und von gelebter Inklusion, dem echten Miteinander von Menschen mit und ohne Handicap in allen Bereichen unseres Alltags, sind wir auch noch ein gutes Stück entfernt. Deswegen setzen wir uns dafür ein, Menschen mit Behinderung willkommen zu heißen.