Wasser für die Blumen

Erstellt am 14. Mai 2013 von

Die alte Dame steht kurz vor ihrem neunzigsten Geburtstag. Sie ist noch erstaunlich gut beieinander. Körperlich und geistig. Sie geht spazieren und versorgt sich weitgehend selbst. Und sie hat ein angenehmes Wesen. „Süß und lieb“ nennt es die Schwiegertochter. Klingt pathetisch, doch besser kann man es kaum sagen. Da bewährt sich im Alter, was ein Mensch sein Leben lang gelebt hat: einen lebendigen Glauben und eine nicht minder lebendige, aktive Nächstenliebe. In jungen Jahren heiratete sie einen älteren Witwer mit fünf kleinen Kindern. Der Mann starb bald, sie kümmerte sich um die Familie. Als die Kinder aus dem Haus waren, wurde sie zur „Ersatzmutti“ für eine Reihe von sozial schwachen Familien in der Gemeinde und der Nachbarschaft. Das tat sie gerne – und verzichtete persönlich auf vieles. Ohne Klagen, ohne Murren. Im Gegenteil: voller Dankbarkeit und Zufriedenheit.

Und mit diesem Lebensgefühl lebt sie nun auch im Alter. Natürlich, kleine Marotten gehören jetzt dazu. „Ach, ihr Lieben“, begrüßt sie die Kinder, „seht ihr, wie schön die Blumen blühen? Ich gieße sie auch regelmäßig.“ Verstohlen blinzeln Sohn und Schwiegertochter sich zu: Im Übertopf der Vase mit der Azalee und ihren Blüten steht das Wasser. Es sind prächtig bunte Plastikblumen. Und Oma strahlt.

Soll sie strahlen. Und sich an der Farbe der Blumen freuen. Plastik hin oder her. Und stolz soll sie sein. Auf ihr Leben, auf ihre Hingabe an Gott und die Menschen. Und darauf, dass sie ihre Blumen noch selber gießen kann. Wen stört’s, dass sie nicht mehr so genau hinsieht, ob die Blumen echt oder künstlich sind? Hat sie früher hingeschaut, als sie den Menschen geholfen hat? Hat sie einen Unterschied gemacht zwischen „echt“ und „unecht“ zwischen denen, die es „verdient“ hatten, dass man ihnen hilft, und den anderen? Was sind da schon die Blumen?

Es sind die Kinder und die alten Menschen, die eine Gesellschaft menschlich machen. Sie erinnern uns an die Vielfalt und die Schönheit, aber auch an die Zerbrechlichkeit des Lebens. Und Menschen, die im Alter so zufrieden und glücklich sind, erinnern uns „Mittelalterliche“ daran, die wirklich wichtigen Dinge auch wirklich wichtig zu nehmen. Was ich heute lebe, das bleibt mir auch im Alter.

Uwe Heimowski

 


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  • Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder willkommen ist!

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    Als Verlag möchten wir dazu beitragen, dass Menschen genau das erleben:

    Bei Gott bin ich willkommen.

    Für uns hat unser Slogan eine zweite Bedeutung: Wir haben ein Faible für außergewöhnliche Menschen, für Menschen mit Handicap. Denn wir erleben, dass sie unser Leben, unsere Gesellschaft bereichern.

  • Dennoch ist unsere Welt weit davon entfernt, Menschen mit Behinderung grundsätzlich willkommen zu heißen – vielen wird nicht mal gestattet, überhaupt zur Welt zu kommen. Und von gelebter Inklusion, dem echten Miteinander von Menschen mit und ohne Handicap in allen Bereichen unseres Alltags, sind wir auch noch ein gutes Stück entfernt. Deswegen setzen wir uns dafür ein, Menschen mit Behinderung willkommen zu heißen.