Das Buch – eine gefährdete Spezies?

Von Thomas Baumann

„Ein Buch lesen? Ganz?!“ Als ich diesen Titel eines Beitrags in der ZEIT vom 30. April 2025 las, fühlte ich mich sofort in ein Klassenzimmer unserer Schule versetzt und sah in entgeisterte Gesichter, die ausgesprochen oder unausgesprochen genau diese Frage stellten.

Es gibt sie zwar immer noch – auch unter Schülerinnen und Schülern im Smartphone-Zeitalter –, die lesehungrigen, bücherverschlingenden Vielleser, aber ihre Zahl wird nicht größer, vor allem aber scheinen die „normalen“ Buchleserinnen weniger zu werden, die hin und wieder ein Buch lasen (von den Buchlesern ganz zu schweigen, die sind inzwischen zu ganz seltenen Vögeln geworden).

Das hat Folgen auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Der zitierte ZEIT-Artikel von Anant Agarwala und Martin Spiewak, in dem es um die schwindende Lesefähigkeit der Studierenden an deutschen Universitäten geht, weist darauf hin, dass nicht nur weniger gedruckte Bücher gelesen würden, sondern dass auch die „Qualität des digitalen Lesens am Bildschirm über die letzten zwei Jahrzehnte gesunken“ sei, und erwähnt in diesem Zusammenhang die „Verflachungsthese“, die „Annahme, dass die jüngeren Generationen tatsächlich schlechter lesen können, egal auf welchem Medium“:

Der „Dauerkontakt mit dem Digitalen“ verändere das Gehirn derartig, dass es seine Lesefähigkeit verliere und damit weitere Kompetenzen einbüße. Denn das Lesen längerer Texte fördert bekanntlich Konzentration und Gedächtnis, aber auch den Aufbau eines differenzierten Wortschatzes. Dabei ist Lesen auf Papier Untersuchungen zufolge der digitalen Lektüre interessanterweise überlegen. Offenbar spielt nicht nur das Ablenkungspotential digitaler Geräte eine Rolle, sondern auch die Haptik: „Papier lässt sich anfassen, gedruckte Seiten nehmen Raum ein. Der Leser gewinnt ein Gefühl dafür, wie lang ein Text ist, und merkt sich besser, wo ein Satz stand.“

Nun, wir Bücherfans wussten schon lange, dass Lesen nicht nur Spaß macht, sondern auch klug, und dass das Lesen gedruckter Bücher den digitalen Alternativen überlegen ist, aber was nutzt uns dies, wenn Buchhandlungen schwinden, Verlage straucheln, immer mehr Autorinnen und Autoren der KI mehr vertrauen als ihrem eigenen Bauchgefühl und Können? Zumindest das für alle erschwingliche Buch gehört tatsächlich auf die rote Liste bedrohter Arten. Was können wir tun, um es zu schützen?

Auch da denke ich wieder an die Schülerinnen und Schüler, die im Deutschunterricht oder im Literaturkurs vor mir saßen. Um sicherzugehen, dass alle ein bestimmtes Buch lasen, mussten wir es gemeinsam lesen. Ein Buch zu lesen und dann darüber miteinander ins Gespräch zu kommen, ist etwas Besonderes. Buchaffine Pastoren und Hauskreisleiterinnen wissen und nutzen das. Nach meiner Beobachtung ist das allerdings noch ausbaufähig. Es ist eine Ressource, die vielfach noch entdeckt oder wiederentdeckt werden kann. Es dürfte sich lohnen, das gemeinsam zu kultivieren. Dafür will ich werben.

Ich selbst verdanke Büchern entscheidende Impulse für meinen Glauben und mein Lesen und Wertschätzen der Bibel – um sie zu verstehen, ist allerdings nach wie vor entscheidend, dass der Heilige Geist mir den Verstand und die „Augen des Herzens“ öffnet, um mal einen anderen Bücherfan, nämlich Paulus, zu zitieren („Bring auch meine Bücher mit und vor allem die Pergamente!“, schreibt er an Timotheus; 2. Tim 4,13b).

Damit die Bücher das gemeinsame Lesen und Besprechen lohnen, sollten sie natürlich Substanz haben. Das geht an die Adresse der Verlage, die in Zukunft vermutlich noch stärker darauf fokussiert sein müssen, Originalität und Qualität in Inhalt und Form herauszubringen. Bücher dieser Art werden nicht zu Ramschpreisen erscheinen können, wie das allzu lange im christlichen Verlagswesen und Buchhandel üblich war, weil es fatalerweise der Erwartungshaltung eines großen Teils der Kundschaft entsprach. (Bücher dieser Art werden aber auch nicht nach zwei Jahren verramscht werden.) In den letzten Jahren scheint hier ein Umdenken eingesetzt zu haben, die Ladenpreise vieler christlicher Bücher sind gestiegen, wenn sie auch noch nicht so sind, dass die Beteiligten am Buchhandel (Autorinnen, Verlagsmitarbeiter und Buchhändlerinnen) einigermaßen vernünftig davon leben könnten.

Das gedruckte Buch hat Zukunft, davon bin ich überzeugt. Aber es braucht die Unterstützung seiner Fans, die Bücher lesen und verschenken, die sie ins Gespräch bringen; toll, wenn Pastoren und Gemeinden die christliche Buchhandlung vor Ort als Ort der Begegnung wahrnehmen und als niederschwellige Möglichkeit, Menschen mit dem Glauben in Berührung zu bringen. Wir „Neufeldianer“ sind jedenfalls wild entschlossen, auch weiter gute Bücher zu machen und gute Bücher aus anderen Verlagen zu kaufen, zu lesen und für sie zu werben.

 

Thomas Baumann wurde 1961 in einem Dorf in Südbaden geboren. Nach seinem Studium der Geschichte und Germanistik (Dr. phil. 1990) arbeitet er als Verlagslektor (seit 2010 im Neufeld Verlag) und half dabei mit, einige Hundert Bücher zur Welt zu bringen. Seit 2009 unterrichtet er auch an einer christlichen Schule.

Seine Leidenschaft gilt seiner Familie – er ist seit 1985 mit Claudia verheiratet, die beiden haben drei erwachsene Kinder, zwei Schwiegerkinder und zwei Enkeltöchter –, Büchern, Blues, Gospel und Soul, dem Begleiten junger Menschen und vor allem Jesus und seiner Königsherrschaft.

Hier geht’s zum Buch Die Verschwörung der Verzagten von Thomas Baumann:

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in NEULAND Nr. 2 – dem Magazin für Leserinnen und Leser: