Gott will Taten sehen

Erstellt am 30. Juni 2014 von

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Margot Käßmann (Herausgeberin)

Gott will Taten sehen

Christlicher Widerstand gegen Hitler – Ein Lesebuch

Ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Margot Käßmann und Anke Silomon

Gebunden, 479 Seiten, mit 48 Abbildungen

C. H. Beck, München 2013

 

Von Margot Käßmann liegen viele Bücher vor, und man darf gewiss weiterhin mit einer regen publizistischen Tätigkeit der EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 rechnen.

Das muss allerdings nicht bedeuten, dass die veröffentlichten Bücher weniger gehaltvoll wären – ganz im Gegenteil, Margot Käßmann liefert Wertvolles und Wesentliches. So geht es mir auch mit diesem Buch, das nun schon einige Monate auf meinem Tisch lag.

Nach wie vor und inzwischen seit Jahrzehnten bewegt mich das „Dritte Reich“ sehr: Wie konnte es dazu kommen, dass Menschen zu derart unmenschlichem Verhalten bereit waren? Was für eine grausame Dynamik war damals entstanden, dass Millionen Deutsche offenbar den „gesunden Menschenverstand“ ausblendeten und sich dermaßen vereinnahmen ließen von Ideen, die man nur als menschenverachtend bezeichnen kann?

Und warum sind zumindest die Christen und Kirchen nicht geschlossen und mutig und eindeutig aufgestanden, um dem Bösen (ich glaube, so kann man das durchaus nennen) Einhalt zu gebieten? Rolf Hochhuths Drama Der Stellvertreter habe ich gleich zwei mal gelesen und erschüttert aus der Hand gelegt. Das Schicksal Jochen Kleppers und seiner Familie hat mich nachhaltig bewegt (und so ist im Neufeld Verlag eine Klepper-Biografie von Markus Baum erschienen). Und auch Hanna Schotts Biografie von André und Magda Trocmé, einem Pfarrerehepaar, das in Frankreich im Zentrum eines Widerstandsnestes agierte und entscheidend dazu beitrug, Tausende vor dem Zugriff der Nazis und ihrer willigen Helfershelfer zu bewahren, gehört in diesen Kontext. Letzten Sommer las ich Götz Alys Studie Die Belasteten – „Euthanasie“ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte; aber dazu an dieser Stelle später mehr.

Klar, diese Fragen werden wohl bleiben, und so fiel dieses „Lesebuch“ bei mir auf fruchtbaren Boden. „Ein Buch zum Lesen und Erinnern, damit wir uns heute fragen, wo unsere Widerstandskraft gefordert ist“, beschreibt Margot Käßmann das Anliegen dieses Werkes.

Und diese Wirkung entfaltet das Buch tatsächlich. Chronologisch sortiert und jeweils mit einer kurzen Einführung in den jeweiligen Zeitabschnitt versehen, stellen die Historikerin Anke Silomon und Margot Käßmann hier mutige Frauen und Männer vor. Von vielen hatte ich bereits gehört; es sind aber eben auch Menschen dabei, deren Engagement noch nicht so bekannt ist.

Knapp gehaltene Kurzbiografien werden meist ergänzt durch Originalzeugnisse – Briefe, Tagebücher etc. Und die sind bewegend. Mir ist neu bewusst geworden, dass die meisten dieser mutigen Zeitzeugen kaum vierzig Jahre alt wurden. Dass es viel mehr Menschen gab, die einen klaren Blick für das Unrecht hatten und viel riskierten, um sich für das Recht einzusetzen. Und dass es leider mindestens genau so viele Denunzianten gab. Wie oft heißt es am Ende einer Vita: „xy wurde von einer Nachbarin denunziert …“

Natürlich, Dietrich Bonhoeffer, der Kreisauer Kreis, Jochen Klepper, Reinhold Schneider oder auch Ehepaar Trocmé sind in diesem Lesebuch vertreten. Was mich besonders bewegt hat:

  • Die ausführliche Einführung von Margot Käßmann, im Bewusstsein einer großen ökumenischen Weite und immerhin mit dem Hinweis auf die konsequente Kriegsdienstverweigerung etwa der Zeugen Jehovas (mir ist von keinem Mennoniten bekannt, der verweigert hätte – dabei wurde das Wort aus Apostelgeschichte 5,29 „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“, das diesem Buch vorangestellt ist, in der Geschichte der Täuferbewegung von Anfang durchaus radikal mit Leben gefüllt …), auch wenn sie sich bei der Auswahl der Lebenszeugnisse auf die Basis der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen beschränkt hat.
  • Das Zeugnis etwa von Edith Stein – wie viele andere hat sie von der Möglichkeit, sich persönlich in Sicherheit zu bringen, keinen Gebrauch gemacht.
  • Der mutige Pfarrer Paul Robert Schneider.
  • Frauen wie Marion Yorck von Wartenburg (überhaupt haben die Herausgeberinnen zurecht darauf geachtet, dass mit diesem Buch auch Frauen entdeckt werden).
  • Die Predigt des katholischen Bischofs von Münster Clemens August von Galens gegen die Euthanasie (die übrigens bei Hitlers Regime deutlich Wirkung zeigte, wie Götz Aly in seinem oben erwähnten Buch beschreibt).
  • Das Wirken des Gefängnispfarrers Harald Poelchau.
  • Alfred Delps ernüchternde Schilderung der Verfahren vor dem Volksgerichtshof.
  • Kurt Gersteins erschütternder Bericht aus dem Zentrum der Todesmaschinerie (Gerstein ist ja auch eine der Hauptfiguren in Rolf Hochhuths Drama).
  • Der Vortrag Martin Niemöllers vom Juli 1946, der am Ende des Buches fast vollständig abgedruckt ist und in dem er über persönliche Verantwortung spricht, angesichts einer Haltung: „Das geht mich nichts an!“.

Es bleibt erschütternd, was damals geschah. Und es bleibt die absolut berechtigte Mahnung, mit offenen Augen und wachem Herzen durchs Leben zu gehen und mutig zu handeln, wo es notwendig ist.

Danke an die Herausgeberinnen für dieses Buch, das erzählt und dokumentiert und eben auch inspiriert, verantwortlich im Heute zu leben. Die Frauen und Männer, deren Lebenszeugnisse nun in dieser Art Geschichte des christlichen Widerstands noch einmal vor uns liegen, ließen sich von ihrem Glauben leiten, waren geprägt von einer klaren Vorstellung, was Verantwortung vor Gott heißt. Sie können uns anspornen, uns nicht einlullen zu lassen von Wohlstand und Konsum, Zeitvertreib und Unterhaltung. Denn Not gibt es auch heute mehr als genug.


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  • Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder willkommen ist!

    Das wär’s, oder? Am Ende sehnen wir alle uns danach, willkommen zu sein. Die gute Nachricht: Bei Gott bin ich willkommen. Und zwar so, wie ich bin. Die Bibel birgt zahlreiche Geschichten und Bilder darüber, dass Gott uns mit offenen Armen erwartet. Und dass er nur Gutes mit uns im Sinn hat.

    Als Verlag möchten wir dazu beitragen, dass Menschen genau das erleben:

    Bei Gott bin ich willkommen.

  • Unser Slogan hat noch eine zweite Bedeutung: Wir haben ein Faible für außergewöhnliche Menschen, für Menschen mit Handicap. Denn wir erleben, dass sie unser Leben, unsere Gesellschaft bereichern. Dass sie uns etwas zu sagen und zu geben haben.

    Deswegen setzen wir uns dafür ein, Menschen mit Behinderung willkommen zu heißen.