Strafe oder Heilung?

Die spannende Neuauflage eines Buches zum Thema Gerechtigkeit

Unser Rechtssystem setzt auf Strafen. Doch reicht das aus, um alles entstandene Unrecht wiedergutzumachen? Opfer bleiben oft mit ihrem Schmerz allein, Täter mit ihrer Schuld – und die Gesellschaft mit ungelösten Konflikten, obwohl unter großem Aufwand und „im Namen des Volkes“ Strafe verhängt wurde.

Restorative Justice geht einen anderen Weg: Es geht nicht nur um Strafe, sondern um Verantwortung, Wiedergutmachung und Heilung. Durch Dialog, Begegnung und gemeinsame Lösungsfindung entsteht ein neuer Umgang mit Unrecht – einer, der die Betroffenen in den Mittelpunkt stellt.

Ein neu aufgelegtes Buch von Howard Zehr zeigt, wie Restorative Justice weltweit Menschen und Gesellschaften verändert – von alterstypischen Vergehen im Jugendstrafrecht bis hin zu schwersten Verbrechen mit teilweise irreparablen Folgen. Mit inspirierenden Beispielen und praxisnahen Einblicken eröffnet Zehr eine neue Perspektive auf Gerechtigkeit.

Dr. Howard Zehr, Jahrgang 1944, war Professor of Conflict Studies an der Eastern Mennonite University in Harrisonburg (Virginia/USA) und Direktor des Zehr Institute for Restorative Justice. Er gilt als „Großvater“ von Restorative Justice. Inzwischen hat er dieses Konzept weltweit in über 25 Ländern vorgestellt und seine konkrete Umsetzung begleitet. Besonders stark war sein Einfluss neben den USA in Brasilien, Japan, Jamaika, Nordirland, Großbritannien, der Ukraine sowie in Neuseeland – wo das gesamte Jugendstrafrechtssystem auf einen familienzentrierten Restorative-Ansatz umgestellt wurde.

Als Fachbuch und Praxisleitfaden richtet sich diese Neuerscheinung an Juristen, Sozialarbeiter, Mediatoren. Es eignet sich ebenso für Universitäten, Seminare und Fortbildungen und betrifft uns als ganze Gesellschaft: Es ist ein hochaktuelles Thema mit wachsendem Interesse. Die Debatte um zunehmende Jugendkriminalität, die Diskussion um die Bestrafung von Kindern nach Gewalttaten und „Wiedergutmachung“ auch nach schweren Übergriffen machen dieses Grundlagenwerk unverzichtbar. Im Original wurden bereits über 150.000 Exemplare verkauft.

Das meinen Fachleute

„Ich bin wie Howard Zehr davon überzeugt, dass wir Wege finden müssen, um die Interessen und Bedürfnisse von Opfern wirkungsvoll in ein resozialisierungsorientiertes Strafrecht einzubinden. Restorative Justice eröffnet Möglichkeiten, die parteilichen Perspektiven zu überwinden.“

Benjamin Strasser, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesjustizministerium a.D.

Restorative Justice von Prof. Howard Zehr zeigt eindrucksvoll auf, dass Verbrechen nicht nur Rechtsverstöße sind, sondern vor allem tiefe zwischenmenschliche Verletzungen. … Wer sich mit der Zukunft der Strafjustiz beschäftigt oder einfach eine gerechtere Gesellschaft mitgestalten will, sollte dieses Buch lesen.“

Macit Karaahmetoğlu, Rechtsanwalt, Mitglied des Deutschen Bundestages, Stellvertretender rechtspolitischer Sprecher der SPD

„Ich hoffe, dass dieses Buch zu einem Umdenken in der Bevölkerung beitragen wird.“

Daniela Evers, Rechtsanwältin, Mitglied des Landtages von Baden-Württemberg, Sprecherin für Rechtspolitik und Strafvollzugsbeauftragte von Bündnis 90/Die Grünen

Gemeinsam mit dem Seehaus

Bei dieser Neuausgabe haben wir als Verlag mit dem Seehaus e. V., Leonberg, zusammengearbeitet: Hier wird ganz praktisch und in vielfältiger Weise im Sinne der Restorative Justice gearbeitet. Und es gibt ebenso intensive Bemühungen, diesen Ansatz weiter zu verbreiten – in Politik, Rechtsprechung und Justizbehörden.

Grund genug für ein paar Fragen an Ulrich Weinhold, Syndikusrechtsanwalt und Referent für Restorative Justice im Seehaus e. V.

Ulrich Weinhold

Herr Weinhold, wie kamen Sie im Seehaus eigentlich auf den Ansatz Restorative Justice?

Unser Gründer Tobias Merckle hat sich schon sehr früh mit der Frage beschäftigt, wie Strafvollzug anders gestaltet werden kann; wie man dabei vor allem den Opfern von Straftaten durch Wiedergutmachung einen Heilungsprozess anbieten kann – indem die Straftäter dann auch Verantwortung für den angerichteten Schaden und eingetretene Verletzungen übernehmen.

Bereits 1999 hat er über „ein neues Paradigma im Strafrecht“ geschrieben: und alles, was seither im Seehaus e.V. mit dem Strafvollzug in freien Formen und der Opfer- und Traumaberatung, aber auch in Kolumbien mit mittlerweile über 25 „Dörfern der Versöhnung“ entstehen durfte, „lebt und atmet“ Restorative Justice.

 

Mir scheint, Sie verbinden Praxis und Theorie dabei in besonderer Weise. Warum gibt es nicht längst viel mehr ähnliche Angebote?

In der Tat sind wir im Seehaus-Kontext bemüht, dieses „restorative Dreieck“ zwischen Opfern, Tätern und Gesellschaft aktiv auszugestalten. „Die Verantwortung der Gesellschaft endet nicht an den Gefängnismauern“, formulierte Tobias Merckles Mentor an der Lüneburger Leuphana Universität: Prof. Dr. Bernd Maelicke hat in seinem Buch „Das Knast-Dilemma“ eindrucksvoll aufgezeigt, dass die bisherigen Ansätze von „Bestrafung“, aber auch von „Resozialisierung“, so viel Widersprüchlichkeiten enthalten, dass man sich nicht wundern muss, dass wir Hunderttausende alleingelassene Opfer von Straftaten und Rückfallquoten von 70 Prozent bei den Straftätern haben. Wäre das Justizsystem eine Autowerkstatt: niemand würde seinen Wagen noch für eine Reparatur dort hinbringen wollen.

Aber da ist der kurzfristige politische – und mediale – Druck nach Straftaten beispielsweise von Kindern oder Jugendlichen. Da besteht ein Abstand der Bevölkerung zum „Schmuddelthema“ Kriminalität. Und wir erleben fachlich auch eine gewisse Resignation – in der Kriminalitätsforschung gibt es tatsächlich den Fachbegriff „Nothing works – nichts funktioniert“ für die große Enttäuschung über verschiedene Ansätze im Strafvollzug der vergangenen hundert Jahre.

All das führt dazu, das sich kaum etwas bewegt und die meisten Justizpolitiker im Wesentlichen darauf achten, die nächste Wahlperiode ohne Medienschaden zu überleben. Bereits 1983 wurde eine „opferbezogene Vollzugsgestaltung“ in die politische Diskussion gebracht. Doch bis heute sind Aspekte der Wiedergutmachung – man denke nur an eine Haftarbeitsentlohnung von nicht mal zwei Euro, die jeden Schadensersatz schon grundsätzlich vereitelt – kaum umgesetzt.

Dort setzt der Seehaus e.V. an, auch wenn das nicht nur Zustimmung bringt: Wiedergutmachung an Opfern und der Gesellschaft – auch durch gemeinnützige Arbeit aus der Haft heraus – ist zentrales Element unserer Vollzugsgestaltung. Und die auf Vertrauen basierende Ausformung unseres Strafvollzugs, so ganz ohne Stacheldraht, Mauern und „Durchschleusungen“ von Besuchern, geben niedrigschwellige Zugänge für Opfer von Straftaten auf ihrer Suche nach Genugtuung, Selbstwirksamkeit und Heilung.

 

Angenommen, ich habe mich zuvor noch nie mit unserem Rechtssystem beschäftigt – warum könnte dieses Thema für mich dennoch interessant sein?

Weil Sie morgen schon Opfer einer Straftat sein könnten.

 

Hier geht’s direkt zum Buch von Howard Zehr (2., durchgesehene und erweiterte Auflage – eine erste deutsche Ausgabe erschien 2010 unter dem Titel Fairsöhnt – Restaurative Gerechtigkeit im Neufeld Verlag):

 

Zum Seehaus e. V.

Das Seehaus in Leonberg – im von den Jugendlichen selbst sanierten historischen Bauernhof von 1609.

Der Seehaus e. V. betreibt Strafvollzug in freien Formen in Leonberg (Baden-Württemberg) und bei Leipzig (Sachsen).

In der Seehaus-Akademie im historischen „Glemseck“ kann man sich zu Restorative Justice weiterbilden, Seminare zu wichtigen Opferschutz- oder Kriminologie-Themen belegen oder sich bei PROTACTICS ausbilden lassen. Hier treffen sich Praktiker und Wissenschaftler, Medienschaffende und Rechtspolitiker, Laien und Experten, hier treffen sich … Opfer und Täter.

Wichtige Helfer bei tiergestützter Intervention und zugleich Touristenattraktion – die Seehaus-Rinder.

In der Edition Seehaus [Plus] im Nomos-Verlag werden zu den Themen Resozialisierung, Opferschutz und Wiedergutmachung Herausforderungen und Lösungsansätze der nationalen und internationalen Kriminal-, Justiz- und Sozialpolitik bearbeitet.

 

 

Dieser Beitrag erschien auch in NEULAND Nr. 2 – dem Magazin für Leserinnen und Leser: