Wir sind die Macht

Erstellt am 16. Juli 2015 von

Gestern Abend habe ich die Autobiographie von Leymah R. Gwobee zu Ende gelesen: Wir sind die Macht – Die bewegende Autobiographie der Friedensnobelpreisträgerin (Klett-Cotta, Stuttgart 2012 – leider vergriffen). Im Klappentext zum Buch heißt es:

 

Leymah R. Gbowee ist der Kopf und das Herz der afrikanischen Frauenfriedensbewegung. In entwaffnender Offenheit erzählt die Friedensnobelpreisträgerin, wie sie zur Frauen- und Friedensaktivistin wurde: Als der 14 Jahre währende Bürgerkrieg in Liberia ausbricht, will die 17-Jährige Kinderärztin werden. Stattdessen schlittert sie im Bürgerkriegschaos in eine von sexueller Gewalt geprägte Beziehung und hat sechs Jahre später vier Kinder, keine Ausbildung und keine Ziele mehr.

Über ein Praktikum als Streetworkerin mit Kindersoldaten erwacht sie endlich aus ihrer Lethargie und nimmt ihr Leben selbst in die Hand. Nun wird sie im Wortsinn zur Powerfrau, die sich und andere die Befreiung aus den Gewaltstrukturen lehrt und die Beteiligung von Frauen am politischen Leben einfordert.

 

Mit Erfolg, und es ist bewegend zu lesen, wie die Frauen Liberias die Initiative ergreifen. Dahinter steht die gereifte Überzeugung: Ohne uns Frauen gibt es keinen Frieden. Und da ihr uns nicht beteiligt, beteiligen wir uns eben von uns aus.

Sie haben alles riskiert, und für ihr Land enorm viel gewonnen.  „Leymah R. Gbowee führte Liberia aus der Dunkelheit heraus“, meint Ellen Johnson Sirleaf, die Präsidentin von Liberia, die den Friedensnobelpreis gemeinsam mit Leymah Gwobee erhielt.

 

947397_Gbowee_Macht.indd

 

Leymah Gwobee wurde 1972 in der liberianischen Hauptstadt Monrovia geboren und mich hat beim Lesen ihres Buches immer wieder bewegt, wie unterschiedlich die Welten sind, in denen wir uns zeitgleich bewegen.

Spannend fand ich natürlich auch, inwiefern sie sich von der Forschungsarbeit und Erfahrung der täuferisch-mennonitischen Bewegung in Sachen Konflikttransformation inspirieren ließ. Einer ihrer Mentoren empfahl ihr dringend, sich in entsprechende Bücher zu vertiefen:

 

Ich las Die Politik Jesu, ein Buch, in dem Jesus als Revolutionär dargestellt wird, der gegen Ungerechtigkeit kämpft und den Ohnmächtigen eine Stimme gibt.

Ich las Martin Luther King und Mahatma Gandhi und den kenianischen Autor und Konfliktexperten Hizkias Assefa, der die These vertritt, dass die Versöhnung des Opfers mit dem Täter der einzige Weg ist, einen Konflikt – gerade und vor allem in heutigen Bürgerkriegssituationen – wirklich zu lösen. Andernfalls, so Assefa, bleiben beide auf Dauer aneinander gefesselt, der eine lechzt nach Abbitte oder Rache, der andere fürchtet Vergeltung.

 

Später, nach einer gehörigen Portion existentieller Erfahrung in Konfliktbewältigung, forderte eine Freundin und Wegbegleiterin Leymah Gwobee auf, mehr zu lesen.

 

Ich kaufte mir jede Menge Bücher über Konfliktbewältigungstheorien: The Journey Toward Reconciliation und The Little Book of Conflict Transformation, beide von John Paul Lederach.

 

Lederachs Buch The Journey Toward Reconciliation (1999) erschien 2014 in überarbeiteter und ergänzter Form unter dem Titel Reconcile – Conflict Transformation for Ordinary Christians. Auf Deutsch ist es im Januar 2016 im Neufeld Verlag erschienen. Bill und Lynne Hybels schreiben im Vorwort zu diesem Buch:

 

Der Krieg macht vor nichts halt. Er zerstört die Infrastruktur eines ganzen Landes, und selbst kleine Kinder fallen ihm zum Opfer. Wenn uns die betroffenen Menschen in der Welt am Herzen liegen, dann müssen wir uns für den Frieden einsetzen.

Als wir beschlossen, uns näher mit der Kunst des Friedensstiftens zu beschäftigen, stießen wir immer und immer wieder auf einen Namen: John Paul Lederach. Wir begannen also, Lederach zu lesen. Und lasen weiter Lederach. Und lesen ihn noch immer. Und wir raten Ihnen: Lesen Sie Lederach! …

Lederach lädt uns ein, „uns Gott und einander“ zuzuwenden, und er zeigt uns, wie das möglich wird.

Dieses Buch könnte die Welt verändern. Zerrüttete Ehe? Lesen Sie Vom Konflikt zur Versöhnung. Familienstreitigkeiten? Lesen Sie dieses Buch. Gemeindespaltung? Lesen Sie dieses Buch. Kriegführende Länder? Ganz ehrlich, wenn es möglich wäre, die Führer der Welt so lange einzusperren, bis sie Vom Konflikt zur Versöhnung gelesen haben, wäre die Welt von Grund auf verändert. Sie hätte ein bisschen mehr Ähnlichkeit mit dem Reich Gottes.

 

2004 nahm Leymah Gwobee an einem vierwöchigen Kurs an der Eastern Mennonite University (EMU) in Harrisonburg, Virginia, USA, teil. Dort studierte sie bei Hizkias Assefa und Howard Zehr, der das Prinzip der restaurativen Gerechtigkeit entfaltet (im Neufeld Verlag ist sein Buch Fairsöhnt – Restaurative Gerechtigkeit – Wie Opfer und Täter heil werden können erschienen).

Später belegte Leymah Gwobee einen Master-Studiengang in Konflikttransformation an der EMU. Und ihr Sohn Nuku studierte später selbst an der EMU.

Am 31. Oktober 2015 wird Leymah Gwobee bei der Konferenz Stop Armut in Basel dabei sein. Mitträger dieser Tagung ist das Theologische Seminar Bienenberg in Liestal bei Basel, traditionell die Ausbildungsstätte der europäischen Mennoniten, allerdings mit einem Radius weit darüber hinaus. Hier wiederum ist auch das Institut für Konflikttransformation ComPax beheimatet, das hochkarätige Seminare und kompetente Begleitung anbietet.

Und so schließt sich der Kreis …


Kommentare sind geschlossen.

  • Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder willkommen ist!

    Das wär’s, oder? Am Ende sehnen wir alle uns danach, willkommen zu sein. Die gute Nachricht: Bei Gott bin ich willkommen. Und zwar so, wie ich bin. Die Bibel birgt zahlreiche Geschichten und Bilder darüber, dass Gott uns mit offenen Armen erwartet. Und dass er nur Gutes mit uns im Sinn hat.

    Als Verlag möchten wir dazu beitragen, dass Menschen genau das erleben:

    Bei Gott bin ich willkommen.

  • Unser Slogan hat noch eine zweite Bedeutung: Wir haben ein Faible für außergewöhnliche Menschen, für Menschen mit Handicap. Denn wir erleben, dass sie unser Leben, unsere Gesellschaft bereichern. Dass sie uns etwas zu sagen und zu geben haben.

    Deswegen setzen wir uns dafür ein, Menschen mit Behinderung willkommen zu heißen.