11. September: Was wäre gewesen, wenn …?

Mit Traumata umgehen

Wie können wir Resilienz fördern und Kreisläufe der Gewalt durchbrechen oder gar vermeiden – inmitten einer Welt, die mit Krieg und Rassismus, mit Klimawandel, Pandemien und Terrorismus konfrontiert ist?

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde das Center for Justice and Peacebuilding (CJP) der Eastern Mennonite University gebeten, ein Programm zu entwickeln, das bei der Bewältigung von Traumata hilft. So entstand das Konzept „Strategies for Trauma Awareness and Resilience“ (kurz: STAR). Inzwischen haben Tausende  in über 60 Ländern STAR-Seminare besucht, auch im deutschsprachigen Raum gibt es Angebote.

Carolyn E. Yoder ist Pädagogin und Psychotherapeutin und arbeitete viele Jahre in Asien und Afrika, im Mittleren Osten sowie im Kaukasus. In ihrer Praxis für Psychotherapie ist sie spezialisiert auf Trauma-Transformation. Ihr Buch Heilsam mit traumatischen Erlebnissen umgehen – Wege zu Resilienz, Frieden und Versöhnung liefert eine hilfreiche Einführung für persönlich Betroffene ebenso wie alle, die beruflich oder ehrenamtlich mit traumatisierten Menschen zu tun haben.

In Kapitel 6 ihres Buches geht Carolyn Yoder explizit auf die Anschläge vom 11. September und die Frage nach dem Durchbrechen von Kreisläufen der Gewalt ein. Wir finden, diese Gedanken könnten hilfreich sein – daher hier ein leicht gekürzter und bearbeiteter Auszug:

Was wäre gewesen, wenn …?

„Was wäre, wenn?“-Fragen können uns in der Vergangenheit festhalten. Aber die Frage: „Was wäre, wenn?“ kann auch helfen, sich eine andere Zukunft vorzustellen – sogar eine andere Gegenwart. 2005 schrieb ich:

Gehen wir also wieder zurück zum 11. September 2001 und stellen uns vor: Was wäre gewesen, wenn?

  • Was wäre gewesen, wenn in den schrecklichen Tagen nach den Anschlägen vom 11. September die Verantwortlichen der Vereinigten Staaten – der Präsident und unsere Gouverneure, Bürgermeisterinnen, die Geistlichen und Medizinerinnen – unsere Gefühle der Wut, der Verwirrung, Demütigung, des Entsetzens und unseren Wunsch nach Gerechtigkeit und Rehabilitierung als ganz normale Trauma-Reaktionen gewertet hätten? Was wäre gewesen, wenn sie ganz klar und deutlich formuliert hätten, dass diese Reaktionen der Bereiche des unteren Gehirns zwar normal sind, unser Handeln jedoch nicht bestimmen sollten?
  • Was wäre gewesen, wenn unsere Leitenden gewusst hätten, dass ihre eigenen Trauma-Reaktionen auf einen Angriff, der während ihrer Amtszeit geschieht, ihr Urteilsvermögen beeinträchtigen könnte? Was wäre gewesen, wenn sie eine aus Demut geborene Größe gezeigt hätten, indem sie unsere Verbündeten gebeten hätten, ihnen zu helfen, eine Reaktion zu formulieren?
  • Was wäre gewesen, wenn diese heimtückischen Angriffe als Verbrechen gewertet worden wären und nicht als ein kriegerischer Akt? Was wäre gewesen, wenn die Vereinigten Staaten die mitfühlende internationale Gemeinschaft um Kooperation und Hilfe gebeten hätten bei der Aufgabe, terroristische Netzwerke zu zerstören, die Täter vor Gericht zu bringen und die finanziellen Unterstützungssysteme, die sie mit den nötigen Mitteln versorgen, zu unterbrechen?
  • Was wäre gewesen, wenn man uns Mut gemacht hätte, unseren muslimischen oder immigrierten Nachbarn mit kleinen, spontanen Zeichen der Freundlichkeit zu begegnen? Was wäre gewesen, wenn Städte und Gemeinden ihre Bürgerinnen und Bürger angeregt hätten, ihre Trauma-Energie durch gemeinsame Wanderungen, Tanzveranstaltungen, Fußballspiele, Tennis- und Golfturniere, Spaziergänge und Wettkämpfe abzureagieren und gemeinsam Geld zu sammeln für die Opfer und Überlebenden von Gewalt weltweit?
  • Was wäre gewesen, wenn landesweit Tage der Trauer ausgerufen worden wären zum Zweck, miteinander zu schweigen, zu meditieren, zu beten und auf Führung und Weisheit zu lauschen, um zu einer unkonventionellen Reaktion auf die unkonventionelle Tat, Flugzeuge in Gebäude zu steuern, zu gelangen?3 Was wäre gewesen, wenn wir den Rest der Welt eingeladen hätten, dies mit uns gemeinsam zu tun?
  • Was wäre gewesen, wenn unsere Regierung als Antwort auf die Frage: „Warum hassen sie uns?“ Universitäten, Journalistinnen, Fernsehsender, Filmemacher und Künstlerinnen aufgefordert hätte, die zu Grunde liegende Geschichte aufzuarbeiten? Was wäre gewesen, wenn sie ganz normale Bürgerinnen und Bürger sowie Führungspersönlichkeiten aus dem Mittleren Osten und anderswo nach den Zuständen in ihrem alltäglichen Leben gefragt hätte? Was wäre gewesen, wenn man sie gefragt hätte, welchen Einfluss die Vereinigten Staaten auf ihr Leben haben – positiv wie negativ –, und was ihrer Meinung nach zu den Anschlägen vom 11. September geführt hat?
  • Was wäre gewesen, wenn wir bei der Erforschung der Ursachen festgestellt hätten, dass reale Menschen auf der ganzen Welt über einen langen Zeitraum hinweg nicht nur von der Großzügigkeit der Vereinigten Staaten profitiert, sondern wegen unserer Politik auch Leid erfahren und sogar ihr Leben verloren haben? Was wäre gewesen, wenn eine solche Entdeckung uns die Möglichkeit gegeben hätte, die Narrative von Gut gegen Böse und von erlösenden gewalttätigen Lösungen als vereinfachend und gefährlich zu verwerfen?
    Was wäre gewesen, wenn ganz gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger – darunter auch die 82 Prozent der US-Bevölkerung, die noch nie im Ausland waren – mit der Unterstützung unserer Politikerinnen und Politiker an Austauschbesuchen, Workshops und Seminaren teilgenommen hätten, um gemeinsam zu lernen, wie unser Leben mit dem der Menschen im Rest der Welt verflochten ist?
  • Was wäre gewesen, wenn wir zueinander gesagt hätten: „Es tut uns leid. Nie wieder sollten terroristische Anschläge geschehen oder eine Politik Schaden anrichten – weder bei euch noch bei uns noch bei irgendjemandem“?
  • Was wäre gewesen, wenn auch nur ein Teil des Geldes, das für den Krieg gegen den Terror ausgegeben worden ist, in das Gesundheitswesen, in Schulen und in Bildung in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt geflossen wäre?
  • Was, wenn der Krieg dem Terrorismus nicht Einhalt gebietet?
  • Was, wenn es noch nicht zu spät wäre, die Richtung zu ändern?